West-Nil-Virus in der Schweiz

  • Müssen sich auch Papageien- und Sittichhalter Gedanken machen?

    Ein krankes Pferd im Aargau – und was hat das mit unserem Wellensittich, Papagei oder der Aussenvoliere zu tun?

    Auf den ersten Blick nicht besonders viel.

    Doch beim West-Nil-Virus ist ausgerechnet der Vogel der entscheidende Teil der Geschichte.

    Ende August 2026 meldete das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) erstmals einen bestätigten Fall des West-Nil-Virus bei einem Pferd in der Schweiz. Das Tier stand in Kaisten im Kanton Aargau, war nie im Ausland gewesen und hatte sich somit in der Schweiz angesteckt.

    Damit war klar:

    Das Virus wird inzwischen auch innerhalb der Schweiz übertragen.

    Das Pferd zeigte neurologische Symptome, erholte sich später jedoch wieder. Das Institut für Virologie und Immunologie (IVI) bestätigte die Infektion anhand mehrerer Untersuchungen.

    Für Pferdehalter ist das selbstverständlich interessant.

    Für uns Vogelhalter allerdings ebenfalls.

    Denn das West-Nil-Virus ist eigentlich keine typische Pferdekrankheit.

    Sein natürlicher Kreislauf findet hauptsächlich zwischen Vögeln und Stechmücken statt.

    Und darunter befinden sich nicht nur Amseln, Krähen und Greifvögel.

    Auch Papageien und Sittiche können sich infizieren und in einzelnen Fällen schwer erkranken.

    Grund genug, einmal genauer hinzuschauen.


    Was ist das West-Nil-Virus überhaupt?

    Das West-Nil-Virus – kurz WNV – gehört zu den durch Insekten übertragenen Viren.

    Entdeckt wurde es bereits 1937 in Uganda. Inzwischen kommt es in grossen Teilen Afrikas, Europas, Asiens, Nord- und Südamerikas sowie weiteren Regionen vor.

    Übertragen wird es hauptsächlich durch Stechmücken.

    Besonders wichtig sind dabei Mücken der Gattung Culex.

    Und nun kommt der für Vogelhalter entscheidende Punkt:

    Das natürliche Reservoir sind Vögel.

    Der Kreislauf funktioniert vereinfacht so:

    infizierter Vogel → Mücke → anderer Vogel → weitere Mücken

    Eine Mücke sticht einen infizierten Vogel und nimmt dabei das Virus auf.

    Nach einer gewissen Zeit kann diese Mücke bei einem weiteren Stich wiederum einen Vogel infizieren.

    Dieser kann genügend Virus im Blut entwickeln, sodass wiederum andere Mücken angesteckt werden.

    Auf diese Weise kann sich das Virus innerhalb einer Vogelpopulation verbreiten. Das BLV und die Weltorganisation für Tiergesundheit WOAH beschreiben Vögel als zentralen natürlichen Wirt beziehungsweise Reservoir des West-Nil-Virus.


    Und wo kommen Mensch und Pferd ins Spiel?

    Eine infizierte Mücke unterscheidet selbstverständlich nicht zwischen Amsel, Pferd und Mensch.

    Sie kann deshalb auch Menschen oder andere Säugetiere stechen.

    Der grosse Unterschied:

    Menschen und Pferde entwickeln normalerweise nicht genügend Viren im Blut, damit eine weitere Mücke beim Stechen genügend Virus aufnehmen könnte.

    Sie gelten deshalb als sogenannte Sackgassenwirte.

    Das bedeutet:

    Ein infiziertes Pferd steckt normalerweise keine Mücke an, die anschliessend ein anderes Pferd infiziert.

    Und ein erkrankter Mensch steckt normalerweise ebenfalls weder andere Menschen noch Vögel über diesen Weg an.

    Bei Vögeln sieht das anders aus.

    Sie sind Teil des natürlichen Infektionskreislaufs.


    Warum ist das Thema gerade 2026 für die Schweiz interessant?

    Das West-Nil-Virus ist nicht plötzlich über Nacht in Europa aufgetaucht.

    Es breitet sich bereits seit längerer Zeit aus.

    Doch für die Schweiz lässt sich eine interessante Entwicklung beobachten.

    2022

    Das West-Nil-Virus wurde erstmals bei einheimischen Mücken in der Schweiz nachgewiesen.

    Der Fund erfolgte im Tessin, im Gebiet der Bolle di Magadino.

    Das Gebiet ist als Rast- und Durchzugsgebiet für zahlreiche Zugvögel von besonderer Bedeutung.

    2025

    In der Schweiz wurde erstmals eine lokal erworbene West-Nil-Infektion bei einem Menschen bestätigt.

    Das bedeutet, die Person hatte sich nicht auf einer Reise in einem bekannten Risikogebiet angesteckt, sondern die Übertragung hatte in der Schweiz stattgefunden.

    August 2026

    Dann folgte der nächste wichtige Nachweis:

    Ein Pferd im Kanton Aargau erkrankte mit neurologischen Symptomen.

    Da das Tier nie im Ausland gewesen war, konnte das IVI bestätigen:

    Auch diese Infektion wurde in der Schweiz erworben.

    Damit haben wir mittlerweile verschiedene Teile des Kreislaufs direkt vor unserer Haustür:

    • geeignete Mückenarten
    • Wildvögel als natürliche Wirte
    • nachgewiesenes West-Nil-Virus
    • lokal erworbene Infektionen

    Das macht aus einem früher eher südeuropäischen Thema zunehmend auch ein Schweizer Thema.


    Europa erlebt 2026 eine intensive West-Nil-Saison

    Auch der Blick über die Grenze ist interessant.

    EFSA und ECDC bezeichneten die West-Nil-Aktivität 2026 Anfang September als intensiv.

    Bis zum 3. September 2026 waren europaweit:

    280 Ausbrüche bei Vögeln

    und

    121 Ausbrüche bei Equiden wie Pferden

    gemeldet worden.

    Bei Menschen waren zu diesem Zeitpunkt 1'086 Infektionen erfasst worden.

    Besonders stark betroffen war Italien.

    Bei den gemeldeten Vogelereignissen waren unter anderem Nebelkrähen, Elstern, Rabenkrähen, Amseln, Turmfalken, Eulen, Tauben, Habichte und weitere Arten vertreten.

    Das Interessante daran:

    Die stärkste Aktivität bei Tieren wurde im Juli und August beobachtet.

    Das passt sehr gut zur Biologie der Krankheit.

    Denn ohne Mücken funktioniert der wichtigste Übertragungsweg nicht.


    Warum spielt das Wetter eine Rolle?

    Stechmücken benötigen geeignete Temperaturen und Brutplätze.

    Je wärmer die Bedingungen sind, desto schneller können sich sowohl Mücken als auch das Virus innerhalb der Mücken entwickeln.

    Das bedeutet nicht:

    Klimawandel = automatisch West-Nil-Epidemie.

    So einfach ist es nicht.

    Es spielen viele Faktoren zusammen:

    • Temperatur
    • Niederschläge
    • stehende Gewässer
    • Mückenpopulationen
    • Vogelpopulationen
    • Zugvögel
    • Landschaft
    • Überwachung
    • Virusvarianten

    Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten weist allerdings darauf hin, dass Europa zunehmend längere und intensivere Übertragungssaisons für durch Mücken übertragene Krankheiten erlebt.

    Für die Schweiz ist deshalb nicht nur der Süden interessant.

    Der Fall im Aargau zeigt sehr deutlich:

    Wir reden nicht mehr ausschliesslich über das Tessin.


    Was hat das nun mit unseren Papageien zu tun?

    Hier wird es für uns besonders spannend.

    Papageien gehören zwar offenbar nicht zu den empfindlichsten Vogelgruppen gegenüber dem West-Nil-Virus.

    Besonders empfindlich sind unter anderem zahlreiche Rabenvögel sowie verschiedene Greifvögel und Eulen.

    Aber:

    Papageienvögel sind keineswegs immun.

    In der veterinärmedizinischen Literatur sind West-Nil-Erkrankungen bei verschiedenen Psittaciden dokumentiert.

    Dazu gehören unter anderem:

    • Sittiche
    • Kakadus
    • Conuren
    • Rosellas
    • Caiques
    • Loris
    • Königssittiche

    Auch ein Fall bei einem Grünflügelara wurde wissenschaftlich beschrieben.

    Eine Untersuchung von bestätigten West-Nil-Fällen bei Psittaciden beschrieb beispielsweise 38 erkrankte Papageienvögel. Besonders häufig vertreten waren Rosellas, Conuren und Loris. Der Erreger wurde unter anderem mittels RT-PCR und weiteren pathologischen Verfahren bestätigt.

    Das sind keine neuen Fälle aus der Schweiz.

    Das muss ausdrücklich gesagt werden.

    Aber sie zeigen:

    Papageien können grundsätzlich an West-Nil erkranken.


    Und der Wellensittich?

    Natürlich stellt sich sofort die Frage:

    «Muss ich jetzt Angst um meinen Wellensittich haben?»

    Nein.

    Dafür gibt es keinen Anlass.

    Aber der Wellensittich gehört biologisch ebenfalls zu den Papageienvögeln.

    Die veterinärmedizinische Fachliteratur führt ausdrücklich auch Parakeets, also Sittiche, unter den grundsätzlich empfänglichen Psittaciden auf.

    Das bedeutet jedoch nicht, dass derzeit in der Schweiz eine West-Nil-Welle unter Wellensittichen existiert.

    Dafür gibt es derzeit keine Hinweise.

    Und genau diese Unterscheidung ist wichtig.

    Möglich bedeutet nicht automatisch wahrscheinlich.

    Ein Wellensittich in einer Wohnung im dritten Stock ohne nennenswerte Mückenexposition befindet sich offensichtlich in einer völlig anderen Situation als ein Papagei, der von Mai bis Oktober rund um die Uhr in einer grossen Aussenvoliere lebt.


    Aussenvolieren sind deshalb besonders interessant

    Bei den dokumentierten West-Nil-Erkrankungen von Papageien fällt etwas auf:

    Betroffene erwachsene Papageien wurden in verschiedenen Fällen im Freien gehalten, und in ihrem Umfeld waren Mücken vorhanden.

    Das ist logisch.

    Denn die wichtigste Übertragung geschieht über einen Mückenstich.

    Für Halter grosser Aussenvolieren stellt sich deshalb künftig durchaus die Frage:

    Wie stark ist der Mückendruck rund um meine Vogelanlage?

    Eine Voliere:

    • unmittelbar neben einem Teich
    • neben Regentonnen
    • in einem Feuchtgebiet
    • in einem stark mückenbelasteten Garten

    kann eine andere Ausgangslage haben als eine trockene, windige Anlage mit wenig Mücken.

    Das heisst nicht, dass Aussenvolieren plötzlich gefährlich wären.

    Aussenhaltung bietet Vögeln viele Vorteile:

    • natürliches Sonnenlicht
    • frische Luft
    • Bewegung
    • Umweltreize
    • grössere Flugräume

    Aber ein neuer Krankheitserreger kann dazu führen, dass wir bestimmte Schutzmassnahmen künftig etwas bewusster betrachten.


    Der Feind ist nicht der Wildvogel vor der Voliere

    Das ist ein wichtiger Punkt.

    Wenn eine Amsel auf dem Volierendach sitzt, bedeutet das nicht automatisch, dass sie unseren Papagei mit West-Nil ansteckt.

    Der typische Kreislauf läuft über die Mücke.

    Also beispielsweise:

    Wildvogel → Mücke → Papagei

    und nicht einfach:

    Wildvogel → Papagei

    Deshalb wäre es falsch, jetzt Wildvögel rund um eine Voliere als unmittelbare Gefahr zu betrachten.

    Sie gehören zum natürlichen Ökosystem.

    Entscheidender ist der Vektor – die Stechmücke.


    Welche Symptome können Papageien zeigen?

    Leider gibt es auch hier kein typisches Symptom, bei dem man sagen könnte:

    «Das ist eindeutig West-Nil.»

    Bei erkrankten Papageienvögeln wurden unter anderem beschrieben:

    • Teilnahmslosigkeit
    • aufgeplustertes Gefieder
    • verminderte Futteraufnahme
    • Gewichtsverlust
    • Schwäche
    • Zittern des Kopfes
    • Koordinationsstörungen
    • Gleichgewichtsstörungen
    • neurologische Auffälligkeiten
    • Blindheit beziehungsweise Sehstörungen
    • Krampfanfälle
    • plötzliche Todesfälle

    Bei manchen Vögeln können schwere neurologische Erkrankungen entstehen.

    Doch hier beginnt das Problem:

    Praktisch keines dieser Symptome ist spezifisch für West-Nil.


    Neurologische Symptome können viele Ursachen haben

    Ein Vogel, der plötzlich taumelt oder Krämpfe zeigt, kann beispielsweise auch unter:

    • Vergiftungen
    • Schwermetallvergiftung
    • Verletzungen
    • Stoffwechselproblemen
    • Leber- oder Nierenerkrankungen
    • anderen Infektionen
    • neurologischen Erkrankungen
    • Traumata

    leiden.

    Deshalb wäre es völlig falsch, künftig bei jedem taumelnden Wellensittich sofort «West-Nil!» zu rufen.

    Aber:

    Wenn ein Vogel im Sommer oder Frühherbst in einer Aussenvoliere lebt, neurologische Symptome entwickelt und gleichzeitig West-Nil in der Region nachgewiesen wurde, bekommt diese Information für einen vogelkundigen Tierarzt natürlich eine andere Bedeutung.


    Kann man einen lebenden Vogel testen?

    Ja – grundsätzlich stehen verschiedene diagnostische Verfahren zur Verfügung.

    Allerdings ist die Diagnostik nicht immer einfach.

    Je nach Zeitpunkt der Infektion können beispielsweise:

    • PCR-Untersuchungen zum Virusnachweis
    • Antikörpertests
    • weitere Blutuntersuchungen

    zum Einsatz kommen.

    Wie kompliziert die Interpretation sein kann, zeigt sogar ein dokumentierter Fall eines Sonnensittichs.

    Bei diesem Vogel waren Untersuchungen auf West-Nil während der Erkrankung zunächst negativ. Nach dem Tod konnte das Virus jedoch unter anderem aus Gehirngewebe nachgewiesen werden.

    Das zeigt:

    Ein einzelner negativer Test beantwortet nicht immer jede Frage endgültig.

    Die Wahl des Untersuchungsmaterials und der Zeitpunkt der Probenentnahme spielen eine Rolle.

    Eine solche Diagnostik gehört deshalb klar in die Hände eines vogelkundigen Tierarztes beziehungsweise eines spezialisierten Labors.


    Gibt es Medikamente gegen das West-Nil-Virus?

    Eine gezielte antivirale Standardtherapie, mit der das Virus beim Papagei einfach beseitigt werden könnte, gibt es nicht.

    Bei erkrankten Vögeln steht deshalb die unterstützende Behandlung im Vordergrund.

    Je nach Zustand können beispielsweise:

    • Flüssigkeitsversorgung
    • Wärme
    • Ernährung
    • Stabilisierung
    • Behandlung neurologischer Symptome
    • Behandlung möglicher Folgeprobleme

    notwendig werden.

    Wie bei vielen schweren Viruserkrankungen ist deshalb die Prävention besonders wichtig.


    Kann man Papageien dagegen impfen?

    Für Pferde existieren zugelassene West-Nil-Impfstoffe.

    Für Vögel sieht es anders aus.

    Es wurden zwar Impfungen beziehungsweise Impfstoffe bei verschiedenen Vogelarten erprobt und teilweise verwendet.

    Die veterinärmedizinische Fachliteratur weist jedoch darauf hin, dass die Immunantwort je nach Vogelart unterschiedlich sein kann und kein kommerziell erhältlicher Impfstoff speziell für die Anwendung bei Vögeln zugelassen ist.

    Für den normalen Papageien- oder Wellensittichhalter bedeutet das derzeit:

    Nicht die Impfung, sondern der Mückenschutz ist die wichtigste praktische Präventionsmöglichkeit.


    Was kann man bei einer Aussenvoliere überhaupt tun?

    Niemand wird eine grosse Vogelanlage hermetisch gegen jede Mücke abschotten können.

    Das wäre unrealistisch.

    Aber man kann die Mückenbelastung reduzieren.

    Besonders wichtig ist:

    Stehendes Wasser vermeiden

    Stechmücken benötigen Wasser zur Entwicklung ihrer Larven.

    Problematisch können bereits kleine Wasseransammlungen sein:

    • offene Regentonnen
    • Giesskannen
    • Eimer
    • Untersetzer
    • alte Reifen
    • verstopfte Dachrinnen
    • herumstehende Behälter
    • länger stehendes Wasser in Vogelbädern

    Natürlich bedeutet das nicht, dass Vögel kein Badewasser mehr bekommen dürfen.

    Aber Wasser sollte regelmässig gewechselt und Behälter sauber gehalten werden.


    Und Mückennetze?

    Bei Schutzräumen oder kleineren Volierenbereichen können feinmaschige Insektenschutznetze durchaus eine zusätzliche Barriere darstellen.

    Bei riesigen Aussenvolieren wird das praktisch schwieriger.

    Zudem darf eine Massnahme nie zu anderen Problemen führen.

    Zu berücksichtigen sind beispielsweise:

    • Luftzirkulation
    • Licht
    • Verletzungsrisiko
    • Materialverträglichkeit
    • Erreichbarkeit für die Vögel

    Das Ziel sollte deshalb nicht sein:

    «Keine einzige Mücke darf jemals hineinkommen.»

    Sondern:

    Die Belastung möglichst deutlich reduzieren.


    Vorsicht mit Insektensprays!

    Hier ist ein wichtiger Hinweis nötig.

    Nur weil Mücken eine mögliche Gefahr darstellen, sollte niemand nun grosszügig Insektenspray rund um seine Papageien versprühen.

    Vögel besitzen ein ausgesprochen leistungsfähiges und empfindliches Atmungssystem.

    Aerosole, Dämpfe und bestimmte Chemikalien können für sie problematisch oder sogar gefährlich sein.

    Mückenschutz in einer Vogelhaltung muss deshalb immer so geplant werden, dass nicht der Schutz vor der Mücke am Ende für den Vogel gefährlicher wird als die Mücke selbst.

    Im Zweifel sollte ein vogelkundiger Tierarzt gefragt werden, bevor irgendwelche Insektizide direkt in oder an Vogelanlagen eingesetzt werden.


    Können wir uns bei unserem Papagei anstecken?

    Über normalen direkten Kontakt ist dies nicht der typische Übertragungsweg.

    Das West-Nil-Virus wird hauptsächlich durch infizierte Mücken übertragen.

    Das BLV schreibt ausdrücklich, dass die Übertragung über den Stich infizierter Mücken erfolgt und dass Menschen beziehungsweise Pferde den normalen Übertragungskreislauf nicht weiterführen.

    Für Vogelhalter bedeutet das:

    Ein möglicherweise infizierter Papagei ist nicht mit einer Psittakose vergleichbar, bei der ein Mensch den Erreger beispielsweise über kontaminierten Staub oder Ausscheidungen aufnehmen kann.

    Das West-Nil-Virus funktioniert epidemiologisch anders.

    Trotzdem gelten beim Umgang mit offensichtlich kranken oder verstorbenen Tieren selbstverständlich normale Hygieneregeln.


    West-Nil ist also nicht die «neue Papageienkrankheit»

    Dieser Unterschied ist mir besonders wichtig.

    2024 sorgten Berichte über Psittakose beziehungsweise die sogenannte Papageienkrankheit teilweise für grosse Aufmerksamkeit.

    West-Nil darf man damit nicht einfach gleichsetzen.

    Bei Psittakose spielt die direkte beziehungsweise indirekte Übertragung von Chlamydia psittaci aus infizierten Vögeln auf Menschen eine wichtige Rolle.

    Beim West-Nil-Virus steht dagegen der Übertragungszyklus

    Vogel ↔ Mücke

    im Zentrum.

    Wir haben es also mit zwei völlig unterschiedlichen Erkrankungen zu tun.


    Müssen wir uns jetzt Sorgen machen?

    Ich würde sagen:

    Sorgen – nein.

    Wissen, dass es existiert – ja.

    Die Entwicklung beobachten – unbedingt.

    Es gibt derzeit keinen Anlass, Wellensittiche aus Angst vor West-Nil nicht mehr auf einen geschützten Balkon zu stellen oder Papageien generell aus Aussenvolieren zu verbannen.

    Auch gibt es keine Hinweise auf eine aktuelle West-Nil-Epidemie unter Schweizer Papageienbeständen.

    Aber die Situation hat sich verändert.

    Vor einigen Jahren war West-Nil für einen Schweizer Papageienhalter hauptsächlich eine Krankheit, die irgendwo südlich von uns vorkam.

    Heute wissen wir:

    • das Virus wurde bereits in Schweizer Mücken gefunden,
    • eine lokal erworbene menschliche Infektion wurde bestätigt,
    • ein Pferd hat sich nachweislich in der Schweiz angesteckt,
    • und der natürliche Übertragungskreislauf läuft ausgerechnet über Vögel.

    Damit gehört West-Nil meines Erachtens zumindest auf den Radar von:

    • Vogelhaltern mit Aussenvolieren
    • Züchtern
    • Auffangstationen
    • Vogelparks
    • Tierheimen mit Aussenhaltung
    • vogelkundigen Tierärzten

    Besonders aufmerksam würde ich bei diesen drei Dingen werden

    Nicht jedes Niesen und nicht jeder müde Wellensittich ist ein West-Nil-Verdachtsfall.

    Interessanter wird die Kombination:

    1. Vogel lebt draussen oder hat starken Mückenkontakt

    plus

    2. neurologische Auffälligkeiten

    plus

    3. West-Nil ist aktuell in der Region nachgewiesen beziehungsweise die Mückenaktivität ist hoch.

    Dann gehört die Information:

    Zitat

    «Der Vogel lebt in einer Aussenvoliere und wir haben aktuell sehr viele Stechmücken.»

    unbedingt zur Krankengeschichte, die dem Tierarzt mitgeteilt wird.

    Das kann bei der Auswahl diagnostischer Untersuchungen wichtig sein.


    Was passiert in der Schweiz behördlich?

    West-Nil-Fieber gehört in der Schweiz zu den zu überwachenden Tierseuchen.

    Verdachtsfälle müssen von Tierärztinnen, Tierärzten und Untersuchungslaboratorien den zuständigen kantonalen Veterinärbehörden gemeldet werden.

    Das bedeutet nicht, dass jeder Halter nun seinen Kantonstierarzt anrufen muss, sobald ein Wellensittich schief auf der Stange sitzt.

    Der erste Ansprechpartner bei einem kranken Vogel bleibt der Tierarzt.

    Bei einem begründeten Verdacht laufen weitere Schritte über die veterinärmedizinischen Stellen.


    Interessant wird auch der Blick auf tote Wildvögel

    Da bestimmte Wildvogelarten besonders empfindlich auf West-Nil reagieren, können Erkrankungen und Todesfälle bei ihnen Hinweise auf eine lokale Viruszirkulation liefern.

    Besonders bekannt sind Rabenvögel.

    Die WOAH weist darauf hin, dass tote Krähen deshalb in verschiedenen Überwachungsprogrammen gezielt untersucht werden.

    Das ist ein interessantes Beispiel dafür, warum Wildvogelüberwachung nicht nur dem Naturschutz dient.

    Wildvögel können teilweise wie ein biologisches Frühwarnsystem funktionieren.

    Wenn ein Virus zuerst in einer Vogelpopulation auftaucht, lässt sich möglicherweise erkennen, dass sich in einem Gebiet ein Infektionsgeschehen entwickelt, bevor zahlreiche Menschen oder Pferde erkranken.


    Was bringt die Zukunft?

    Das weiss selbstverständlich niemand genau.

    West-Nil kann regional auftreten und später wieder verschwinden.

    Die Stärke einer Saison hängt erheblich von Umweltbedingungen, Mückenaktivität und vorhandenen Virusreservoirs ab.

    Doch die Richtung in Europa ist bemerkenswert.

    2026 wurden Ausbrüche bei Vögeln und Pferden über zahlreiche europäische Regionen verteilt gemeldet.

    ECDC und EFSA gehen davon aus, dass die geografische Ausbreitung durch verschiedene ökologische und klimatische Faktoren beeinflusst wird.

    Für uns Vogelhalter bedeutet dies möglicherweise, dass ein Thema stärker in den Vordergrund rückt, über das wir bisher nur selten gesprochen haben:

    Mückenschutz als Teil der Gesundheitsvorsorge bei Aussenvolieren.

    Bei tropischen Papageien denkt man bei Krankheitsvorsorge meistens zuerst an:

    • PBFD
    • Polyoma
    • Bornavirus
    • Chlamydien
    • Aspergillose

    Vielleicht kommt in Zukunft häufiger eine weitere Frage dazu:

    Wie sieht es mit durch Insekten übertragenen Krankheiten aus?


    Mein Fazit

    Der erste nachweislich in der Schweiz erworbene West-Nil-Fall bei einem Pferd im August 2026 ist für Vogelhalter vor allem deshalb interessant, weil er etwas bestätigt:

    Das Virus ist nicht mehr nur ein theoretischer Gast aus Südeuropa.

    Die Voraussetzungen für eine lokale Übertragung bestehen auch bei uns.

    Vögel spielen im natürlichen Kreislauf des West-Nil-Virus eine zentrale Rolle.

    Die meisten Vogelarten beziehungsweise infizierten Tiere werden vermutlich niemals schwer erkranken.

    Doch verschiedene Vogelarten können klinisch erkranken und sterben.

    Und auch bei Papageienvögeln sind schwere und tödliche West-Nil-Infektionen wissenschaftlich dokumentiert.

    Deshalb wäre Panik die falsche Reaktion.

    Aber Ignorieren wäre ebenfalls nicht sinnvoll.

    Für einen Halter mit zwei Wellensittichen im Wohnzimmer dürfte sich durch diese Nachricht praktisch nichts ändern.

    Für jemanden mit:

    20 Papageien in einer grossen Aussenvoliere neben einem Teich

    sieht die Sache schon etwas anders aus.

    Dort kann es durchaus sinnvoll sein, künftig stärker auf Mückenbrutplätze, stehendes Wasser und Möglichkeiten zur Reduktion des Mückenkontaktes zu achten.

    Und wenn während der Mückensaison plötzlich neurologische Symptome auftreten, kann die Information über die Aussenhaltung für einen vogelkundigen Tierarzt wichtig sein.

    Vielleicht ist genau das die vernünftige Haltung gegenüber solchen neu auftretenden Gesundheitsrisiken:

    Nicht verrückt machen lassen – aber hinschauen.

    Denn gerade bei Tierseuchen ist Wissen meistens wesentlich hilfreicher als Angst.


    Wie sieht es bei euch aus?

    Mich würde interessieren:

    Habt ihr viele Stechmücken rund um eure Aussenvolieren?

    Habt ihr beispielsweise:

    • Mückennetze
    • geschützte Innenbereiche
    • Teiche
    • Regentonnen
    • Volieren direkt am Wasser

    oder habt ihr euch über durch Mücken übertragene Vogelkrankheiten bisher überhaupt keine Gedanken gemacht?

    Und vor allem:

    War West-Nil für euch bisher überhaupt ein Thema bei Papageien und Sittichen – oder habt ihr das ebenfalls hauptsächlich als Krankheit von Menschen und Pferden wahrgenommen?

    Ich muss zugeben:

    Gerade die Rolle unserer Vögel im West-Nil-Kreislauf macht das Thema wesentlich interessanter, als es die Schlagzeile

    «West-Nil-Virus erstmals bei einem Pferd in der Schweiz»

    zunächst vermuten lässt.


    Quellen und weiterführende Informationen

    Für diesen Beitrag wurden insbesondere aktuelle Informationen des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), des Instituts für Virologie und Immunologie (IVI), des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) sowie die West-Nil-Überwachung von EFSA und ECDC berücksichtigt.

    Die Angaben zu Erkrankungen bei Papageienvögeln basieren zusätzlich auf veterinärmedizinischer Fachliteratur und publizierten wissenschaftlichen Fallserien beziehungsweise Fallberichten zu West-Nil-Infektionen bei Psittaciden.

    Stand des Beitrags: 18. September 2026


    Hier eine Culex-Mücke