Wenn die Gewässer schrumpfen

  • Warum Watvögel kurzfristig von der Hitze profitieren

    Die anhaltende Hitze und Trockenheit macht vielen Tieren zu schaffen. Seen und Flüsse führen deutlich weniger Wasser, Feuchtgebiete trocknen aus und vielerorts verändert sich der Lebensraum innerhalb kurzer Zeit. Doch ausgerechnet einige Zugvögel können von den tiefen Wasserständen vorübergehend profitieren.

    Neue Rastplätze für Watvögel

    Zu den Gewinnern dieser besonderen Situation gehören verschiedene Watvögel, auch Limikolen genannt. Viele dieser Arten brüten weit im Norden, beispielsweise in der arktischen Tundra, und ziehen später über Europa weiter in ihre Überwinterungsgebiete in Afrika.

    Auf diesen langen Reisen sind geeignete Rastplätze entscheidend. Die Vögel müssen regelmässig pausieren, Nahrung aufnehmen und neue Energiereserven anlegen.

    Besonders attraktiv sind für sie offene Sand-, Schlamm- und Kiesflächen an Seen und Flüssen. Durch die derzeit niedrigen Wasserstände entstehen solche Flächen vielerorts neu.

    Freie Sicht ist überlebenswichtig

    Für Watvögel sind offene Uferbereiche gleich aus mehreren Gründen interessant.

    Auf vegetationsarmen Flächen können sie ihre Umgebung gut überblicken und mögliche Feinde frühzeitig erkennen. Greifvögel wie Sperber oder Falken lassen sich dadurch schneller entdecken.

    Gleichzeitig finden die Vögel dort Nahrung. Mit ihren teilweise hoch spezialisierten Schnäbeln durchsuchen sie Schlamm, Kies und flache Wasserbereiche nach kleinen Wirbellosen, Insektenlarven und anderen Nahrungstieren.

    Flächen, die erst vor kurzer Zeit noch unter Wasser lagen, sind dafür besonders geeignet: Sie sind weitgehend frei von dichter Vegetation und bieten den Vögeln genügend offene Bereiche zum Rasten und Fressen.

    Ersatz für verlorene Feuchtgebiete

    Solche neu entstandenen Uferflächen können zeitweise sogar Funktionen übernehmen, die früher natürliche Sumpf- und Feuchtgebiete erfüllten.

    Davon gibt es heute deutlich weniger als früher. Viele Feuchtgebiete wurden trockengelegt, verbaut oder anderweitig verändert. Für Zugvögel bedeutet dies, dass geeignete Zwischenstationen auf ihren langen Zugwegen immer wichtiger werden.

    Die momentan freiliegenden Uferzonen können deshalb eine willkommene Gelegenheit darstellen.

    Dauerhafte Trockenheit wäre keine gute Nachricht

    Der vermeintliche Vorteil hat allerdings eine entscheidende Einschränkung: Die Trockenheit darf kein Dauerzustand werden.

    Bleiben solche Flächen über längere Zeit trocken, werden sie nach und nach von Pflanzen besiedelt. Damit verlieren sie genau jene offene Struktur, die sie für viele Watvögel attraktiv macht.

    Optimal sind Gebiete, die während eines grossen Teils des Jahres unter Wasser stehen und nur zeitweise trockenfallen. Dadurch wird verhindert, dass sich dauerhaft eine dichte Vegetation entwickelt.

    Einige Arten sind als Brutvögel bereits verschwunden

    Wie stark sich unsere Landschaft verändert hat, zeigt auch die Entwicklung verschiedener Watvogelarten in der Schweiz.

    Einige Arten, die früher hier gebrütet haben, sind inzwischen als regelmässige Brutvögel verschwunden. Dazu gehören beispielsweise die Bekassine und der Grosse Brachvogel.

    Gerade deshalb sind geeignete Rast- und Nahrungsgebiete für durchziehende Vögel besonders wertvoll.

    Kurzfristiger Vorteil, langfristig ein Warnsignal

    Die tiefen Wasserstände zeigen damit ein interessantes Paradox: Was ökologisch grundsätzlich problematisch ist, kann einzelnen Vogelarten kurzfristig neue Lebensräume eröffnen.

    Für Beobachterinnen und Beobachter ergibt sich dadurch momentan vielleicht sogar die Chance, an Seen und Flüssen Watvogelarten zu entdecken, die normalerweise weniger auffällig auftreten.

    Langfristig bleibt jedoch entscheidend, dass genügend natürliche und abwechslungsreiche Feuchtgebiete erhalten bleiben. Denn nur eine Landschaft mit wechselnden Wasserständen, offenen Ufern, Flachwasserzonen und natürlichen Überschwemmungsflächen bietet diesen faszinierenden Zugvögeln dauerhaft geeignete Bedingungen.

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    Gruss Harry

    Der Gefederte IT Vogel

    (auch bekannt als Administrator)